Caspar einem

Einige Anmerkungen aus der Sohn-Perspektive

Was ist das Besondere an der Situation eines Sohnes eines großen und berühmten Komponisten? Ich könnte allenfalls sagen: Die ständigen Fragen „bist du verwandt mit dem Komponisten?“ Allenfalls auch „Dichter“, wenn weniger Informierte fragen. Ohne direkten Vater-Bezug dann noch Caspar heißen – in der Kindheit immer für „Kasperl“ gut und nicht nur lustig.
Das ist aber beileibe nicht das Einzige. Als meine Mutter noch lebte erinnere ich, dass Vater, wenn eine Komposition in die Schlussphase kam, sich ans Klavier setzte und uns ein Stück daraus vorspielte. In besonderer Erinnerung ist mir etwa – es muss wohl im Frühsommer 1956 gewesen sein – als er uns aus dem Ballett Medusa vorspielte. Es war jedenfalls im Haus in der Ramsau.
Nur wenige Erinnerungen an ihn habe ich aus den ersten Jahren, als wir in St. Jakob am Thurn lebten. Einschneidend, allerdings Vater bloß am Rande im Bild, der Besuch der Hauptprobe zu Donizettis „Don Pasquale“. Ich bin mit Vater und Mutter in der Probe – Vater damals Direktoriumsmitglied der Salzburger Festspiele – und wir sehen unter anderem die Szene, wie Norina dem alten Don Pasquale die Haare vom Kopf reißt. Kurz darauf kommt die Sängerin zu uns in den Zuschauerraum, sieht mich, das süße Kind, und will mich auf den Schoß nehmen. Ich beginne zu schreien wie am Spieß aus Angst, sie könnte auch mir die Haare vom Kopf reißen. Von Perücken wusste ich noch nichts.
In der frühen Zeit in Wien – wir waren 1953 von Salzburg nach Wien übersiedelt – war für mich Vaters Freundschaft mit Fritz Wotruba von einiger Bedeutung, ebenso wie die mit dem Verleger und damaligen Geschäftsführer der Universal Edition Alfred Schlee: Beide hatten – im Gegensatz zu uns – ein Auto und wir fuhren gelegentlich mit einem von ihnen am Wochenende aus Wien hinaus – an den Neusiedler See oder zu irgendeinem tollen Wirtshaus in der Umgebung von Wien.
Wunderbar waren auch Abende bei uns oder Besuche bei Erika und Caspar Neher. Ihm verdanke ich meinen Vornamen. Mein größtes Vergnügen war es, Onkel Caspar beim Zeichnen zuzuschauen. Er hatte einen wunderbaren Strich und seine Bühnenzeichnungen begeisterten mich. Leider ist auch er, sind beide – Erika drei Monate später -, im gleichen Jahr wie meine Mutter gestorben (1962).
In besonderer Erinnerung sind mir zahlreiche Besuche und Besucher – ich durfte oft dabei sitzen und fand es auch immer wieder mal spannend zuzuhören. Wenn Josef Krips nach dem Abendessen in der Bibliothek darüber sprach, wie die ganz besondere Spannung, die zwischen Dirigent und Orchester aufgebaut werden kann, geradezu messbare Unterschiede im Klang macht.
Oder wie Vater, etwas angespannt, weil er in Wahrheit noch keine Note dazu geschrieben hatte, Nathan Milstein aus dem Violinkonzert vorspielte, das Milstein uraufführen sollte. Da ist es mir sogar gelungen, rechtzeitig das Tonband mitlaufen zu lassen. Milstein war dann das Stück zunächst zu kurz. Als Vater daraufhin noch einen Satz dazu geschrieben hatte, war es ihm zu lang und er lehnte die Uraufführung ab. Aber da war ich nicht so unmittelbar dabei. Eindrucksvoll die Abende an denen Friedrich Dürrenmatt bei uns zu Gast war. Er war ein Mann unglaublich breiter Bildung und konnte, wie mir schien, über jedes beliebige Thema mitreißend sprechen. Es wäre noch manches zu erwähnen.
Seine Freundschaft mit anderen, meist jüngeren Komponisten, mit Francis Burt, mit dem er viele Jahre lang seine Verträge besprochen hat, Heimo Erbse, Karl Heinz Füssl oder auch die noch jüngeren, die bei ihm studierten. Da erinnere ich vor allem HK Gruber, Nali, mit dem ich heute selbst befreundet bin. Meine letzten Erinnerungen an einen gemeinsamen Auftritt bei Musikveranstaltungen sind folgende: Als ich 1995 bis 1997 Innenminister war hatte ich unter anderem dafür gesorgt, dass die Polizeimusik Wien einen beheizbaren Probenraum bekam. Dafür liebten sie mich. Und eines Tages kam der Chef der Police Brass zu mir und wollte wissen, ob mein Vater irgendein Stück geschrieben hätte, das sie spielen könnten. Dazu fiel mir nur der „Rindlberger Marsch“ Op. 54 ein. Da mussten zwar manche Stimmen für die Instrumente der Brass transponiert werden, aber dann konnten sie es spielen und es kam zu einem feierlichen Konzert im Großen Saal des Innenministeriums, bei dem die neue CD der Brass vorgestellt und Vaters „Rindlberger Marsch“ in der Fassung der Brass erstmals aufgeführt wurde. Vater hat sich sehr gefreut und sich sehr herzlich bedankt. Da war er körperlich schon in ganz schlechter Verfassung.
Ähnlich war es bei Uraufführung seines und Lottes „Tier-Requiem“ Op. 104 am 30. Mai 1996 im Wiener Konzerthaus. Das Stück wurde begeistert aufgenommen. Aber um sich verbeugen zu können und vom Mittelgang im Parterre nach vorne zu gehen, brauchte er eine Stütze. Da habe ich ihn begleitet und geradezu körperlich an seiner Freude teilgenommen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch sieben Wochen zu leben. Bei Vaters Begräbnis war dann die Police Brass auch wieder zur Stelle und begleitete ihn mit dem „Rindlberger Marsch“ auf seinem letzten Weg aus dieser Welt. Es war eine beidseitige Liebe. Unsere Beziehung, die nicht immer ganz friktionsfrei war, endete in einer warmen Freundschaft, einer Freundschaft, die wir erkämpfen mussten.
Dr. Caspar Einem
(Sohn des Komponisten, österreichischer Politiker, u.a. em. Innenminister)