Gerda Fröhlich

Fixstern am Komponistenhimmel des Carinthischen Sommers

Gottfried von Einem war gemeinsam mit Helmut Wobisch, dem Solotrompeter und Langzeit-Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker, an der Wiege des 1969 in Ossiach gegründeten Festspiels „Carinthischer Sommer“ gestanden, hatte diesem in den ersten zehn Festspieljahren vier Werke zur Uraufführung überlassen und war zu diesen Anlässen mit seiner Frau Lotte Ingrisch nach Kärnten angeflogen gekommen. Zur Erfüllung des von Wobisch hartnäckig verfolgten Wunsches nach einer Kirchenoper kam es nicht, da gab es zu viele ungelöste, vermutlich auch unlösbare Fragen im Zusammenhang mit Libretto und Kirchenraum (die Uraufführung von Jesu Hochzeit fand ja dann auch in keinem Sakralraum, sondern im Theater an der Wien statt).

„Mit Freude und Demut gelingt es alljährlich, ein persönlich und intim gestaltetes Festspiel zu veranstalten. Es ist ein Ort, an dem man sich immer einige Zentimeter über dem Boden schwebend fühlt. Und es sind vertraute Menschen, die mich zur Arbeit anregen, deshalb fühle ich mich beim Carinthischen Sommer so daheim.“

(Zitat von Einem)

1980 wurde nach dem plötzlichen Ableben von Festspielgründer und -leiter Helmut Wobisch dessen „rechte Hand und Vize“ Gerda Fröhlich zur Intendantin bestellt. Gottfried von Einems persönliche und künstlerische Verbundenheit mit dem Kärntner Festspiel vertiefte sich, er kam Jahr für Jahr zu Aufführungen seiner Werke nach Ossiach und Villach, und fast jedes Jahr war zumindest eine Novität aus seiner Feder dabei; von 1980 bis 1988 hat Gottfried von Einem acht seiner Werke dem Carinthischen Sommer zur Uraufführung im wahrsten Sinn des Wortes „geschenkt“. 1989, zum 20-Jahr-Jubiläum des Festspiels, komponierte er zum ersten Mal auf Wunsch von Intendantin Fröhlich „im Auftrag“ das Concertino carintico per dodici archi, op. 86. Uraufführungen seiner Werke fanden in der ganzen Welt statt, von New York bis Tokyo, von Wien bis London; mit 16 Uraufführungen im Zeitraum von 1971 bis 1994 liegt der Carinthische Sommer im Spitzenfeld einer illustren Schar von Musikveranstaltern.

Gottfried von Einem, stets ein durch und durch kämpferischer Mentor für seine „Schützlinge“, setzte sich auch im Carinthischen Sommer für komponierende Freunde und Schüler ein, wie etwa Karl Heinz Füssl, Ulrich Küchl und Dieter Kaufmann. Sie alle kamen aber nicht nur, um „in Anwesenheit des Komponisten“ im Programmheft lesen zu können, sondern sie leiteten Seminare und hielten Vorträge; als composer in residence sogen sie die besondere Ossiacher Atmosphäre auf und ließen sich zum Komponieren anregen.

„Hier geht es um Menschen, die sich ernsthaft für Musik interessieren, die zuhören können und wollen. Der Carinthische Sommer ist sicherlich nichts für Adabeis und Schickimickis!“

(Zitat von Einem).

Eine historische Begegnung war das erste persönliche Zusammentreffen der beiden Großmeister Gottfried von Einem und Ernst Krenek im Carinthischen Sommer 1985. Gezielt von Intendantin Fröhlich zum gleichen Zeitpunkt nach Kärnten eingeladen, um Aufführungen ihrer Werke beizuwohnen, saßen sie in den Konzerten einträchtig nebeneinander in der 1. Reihe. Kein leichtes Unterfangen aber war es gewesen, die beiden mehr als ausgeprägten, eigenwilligen Künstlerpersönlichkeiten an einen Tisch zu bringen, lagen doch Krenek, der mehr oder weniger alle musikalischen Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts ausgelotet hat, und von Einem, der „Klassiker der Moderne“, in ihren musikalischen Ansichten oft recht weit auseinander. Aus dem anfänglich zurückhaltenden Gesprächskontakt wurde aber doch ein angeregter Gedankenaustausch der beiden „Jahrhundertkomponisten“ und Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts. Er endete mit einem Handschlag: Krenek nahm die Einladung von Einems, ein Streichtrio im Auftrag der Alban Berg Stiftung (deren Präsident von Einem damals war) zu komponieren, an. Die Uraufführung fand zwei Jahre später, an Ernst Kreneks 87. Geburtstag, in der Stiftskirche Ossiach statt. Fürwahr ein Stück Musikgeschichte!

Viele nachhaltige Begegnungen fanden im Carinthischen Sommer statt, im Besonderen mit dem damaligen Kärntner Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari. Mit einigen Interpreten seiner Werke schloss Gottfried von Einem in Ossiach bleibende Freundschaften, mit dem ebenfalls komponierenden Robert Holl erwuchs eine von tiefem gegenseitigem Verständnis geprägte Seelenverwandtschaft. Und vom Carinthischen Publikum wurde der Meister nach anfänglich scheuer Zurückhaltung sehr bald im Ossiacher Stiftshof oder im Foyer des Villacher Kongresshauses begrüßt wie ein alter Freund.

„Durch dieses Festspiel werden wir zur Stimme der Freundlichkeit … Im Erleben der Meister werden unsere Herzen weiter, unsere Augen klarer, und unsere durch den Lärm des Tages malträtierten Ohren öffnen sich unsterblicher Musik … In demütiger Stille und bedachtsamer Freude sollen wir einander behüten.“

(Zitat von Einem).

Für das von ihm so geschätzte und geliebte Festspiel setzte sich Gottfried von Einem wenn nötig vehement ein: So ritt er in den langen Jahren des Kampfes um die Rettung von Stift Ossiach verbale Attacken gegen die Tatenlosigkeit der Verantwortlichen. Er konnte sich noch über den „Sieg“ mitfreuen: Ein halbes Jahr vor seinem Tod übernahm das Land Kärnten Stift Ossiach und sicherte damit den Fortbestand des Carinthischen Sommers.

Sichtbare Zeichen der Dankbarkeit wurden Gottfried von Einem in Kärnten zuteil: die Ehrenmitgliedschaft im Verein Carinthischer Sommer (1989), das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Kärnten (1994) und als besonderes Signal der Wertschätzung der Stadt Villach die posthume Namensgebung für den neuen Kammermusiksaal im Congress Center als Gottfried-von-Einem-Saal.

Gottfried von Einem und der Carinthische Sommer waren einander Wegbegleiter über ein Vierteljahrhundert. Vertrauen und Treue auf Gegenseitigkeit waren die Säulen dieser außergewöhnlichen Freundschaft!

Prof. Dr. Gerda Fröhlich
(österr. Theaterwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Intendantin Carinthischer Sommer 1980 – 2003)