HK Gruber

Meine erste Bekanntschaft mit Gottfried von Einems Musik war Zufall. Als ich den Radio einschaltete lief gerade eine mir unbekannte Musik. Es war zweifellos Gegenwartsmusik. Eine höchst eigenwillige Musik, geradezu trotzig plakativ tonal, durchsichtig, apollinisch, von Diatonik dominiert, rotzfrech, präzise formuliert, durchwegs pulsbetont, ausgeklügelte Architektur, sehr tänzerisch, rhythmisch komplex & geprägt durch unsymmetrische Phrasenlängen, eine Art musikalische Prosa, sehr grelle Klangfarben , sehr vital, enorm temperamentvoll, ganz anders als mir damals bekannte modernere Musik-,- besonders österreichische-, die mich bisweilen durch einen gewissen Hang zu Säuerlichkeit langweilte. Ich hatte den Eindruck, hier entwickelt jemand völlig frei & unberührt von gewissen Doktrinen oder Trends seine eigene, unverwechselbare Sprache & Handschrift. Ich habe diese Musik mit großem Interesse verfolgt & war nun sehr auf des Rätsels Lösung gespannt: Es handelte sich um die Übertragung eines Konzertes von den Salzburger Festspielen. Die Wiener Philharmoniker spielten „Symphonische Szenen“ op. 22 des „österreichischen Komponisten“-, das wurde extra betont-, Gottfried von Einem unter der Leitung von Karl Böhm. Das war 1956. Ich habe von da an kaum eine Möglichkeit ausgelassen, weitere Werke dieser bemerkenswerten Musikerpersönlichkeit zu hören.

1963 bot von Einem an der Wiener Musikakademie, der heutigen Musik-Uni, „Beratungskurse“ an, die bald zu seiner Professur führten. Ich hatte damals gerade meine Diplomprüfung hinter mir. Interessenten konnten sich telephonisch bei ihm melden. Ich rief ihn also an & schon hatte ich einen Termin, Marokkanergasse 11. Er gab ja ausschließlich Einzelunterricht & zwar bei sich zuhause.

Unsere erste Sitzung fand im „Turm“ statt, von Einems damaligem Komponierstudio,einem Penthouse mit herrlichem Ausblick über die Dächer in Richtung Belvedere & Stephansdom. Er setzte sich wortlos ans Klavier & spielte mir seine „Vier Klavierstücke“ aus dem Jahre 43 vor & dann attacca „What’s about this Mr. Clementi“ von Boris Blacher, seinem Lehrer. Gottfried von Einem spielte für mich am Flügel! Das war ein Privileg, das nicht viele Menschen miterleben konnten. Caspar, sein Sohn aus erster Ehe, hat mir erst kürzlich erzählt, daß er seinen Vater höchst selten am Klavier hörte, aber gelegentlich, wenn gerade ein Stück fertig war, hat er seine erste Frau, Lianne, & Caspar um sich versammelt & ihnen „feierlich“ aus dem neuen Stück am Klavier vorgespielt.- Nach seinem Klaviervortrag erzählte mir von Einem einiges über Blacher & seine Kompositionsmethoden. Politische Zusammenhänge wurden erörtert, er umriß Themen wie Politik & Kunst bis hin zu Religionsfragen. Er nannte mir Bücher & Theaterstücke, die ich unbedingt lesen müsse. Besonderes Gewicht legte er auf Brecht. Dann blätterte er sehr aufmerksam einige meiner Partituren durch. Auf ganz bestimmte Stellen legte er seinen Finger & sagte immer dazu „da is’n Loch“, nichts weiter. Für unser nächstes Treffen schlug er vor, einige große unbegleitete Melodiebögen zu schreiben, die trotz Einstimmigkeit einen möglichst reichen Harmonieverlauf mit darstellen sollten, sozusagen als Training gegen „Löcher“. Es ging ihm um Fluß & Gliederung. Den letzten Satz eines kleinen Concertos für Orchester den er besonders „löchrig“ fand, empfahl er mir zu revidieren. Den habe ich aber gleich ganz neu komponiert. Auf Empfehlung von Einems wurde das Stück sehr bald im Wiener Konzerthaus uraufgeführt. Am Ende der 1. Sitzung gab er mir einen Stoß Schallplatten mit, alles Mitschnitte von Aufführungen, die er in den USA hatte. Geradezu auswendig gelernt habe ich die Aufnahme seines „CONCERTO FÜR ORCHESTER“ op.4, gespielt vom Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy.

Wir trafen uns ab 1963 regelmäßig & in kurzen Abständen. Von Einem hatte immer einen großen Stoß seiner berühmten Korrespondenzkarten bereit. Er war enorm hilfsbereit & schrieb ganz spontan & ohne zu zögern ,wenn es sich aus unseren Gesprächen heraus ergab, kurze Empfehlungsschreiben an Persönlichkeiten, bei denen er sich für mich einzusetzen suchte, oder er griff gleich zum Telephon & arrangierte Termine. Im Laufe der Jahre wurde er mir väterlicher Freund & Mentor.

Einige Jahre hindurch war er Präsident der Alban Berg Stiftung & konnte Projekte fördern oder Auftragswerke vergeben. 1988, er war gerade 70, vergab er einen Auftrag an mich für ein Violinkonzert, das Ernst Kovacic uraufführen sollte & in dem er sich Berg-Bezüge wünschte. Kovacic regte an, auf eine 12- Ton-Reihe aus dem 2. Satz von Bergs „Lyrischer Suite“ (Andante amoroso) Bezug zu nehmen. Dazu bastelte ich aus dem Namen Gottfried von Einem ein Ton-Anagramm. Dabei kam ein sehr dreiklangsbezogenes Motiv heraus, nebst einer diatonischen Skala. Innerhalb dieser Gegensätze Chromatik/ Diatonik entwickelte ich mein 2. Violinkonzert, das nach von Einems Hausberg nahe seinem damaligen Haus in Rindlberg (Waldviertel) benannt ist. Die Satztitel dieser „NEBELSTEINMUSIK“ hat sich von Einem ausgedacht. 1. „This is my Theme“ (ein Schlager auf einer von den Nazis verbotenen Schellackplatte, die Boris Blacher während des Krieges unter der Hand an Freunde weitergab), 2. „Im Herzschlag“, 3. „Cadenz“, 4. „Concertino“. Die „Cadenz“ kombiniert Berg-Material mit Melodik aus dem 4. Satz von Einems „CONCERTO FÜR ORCHESTER“ op.4 & im unmittelbar anschließenden 4.Satz wird eine recht jazzige Passage aus dem Einemschen 4. Satz original zitiert & weiterentwickelt. Es ist jene Passage, die Goebbels veranlasste, das „CONCERTO“ sofort nach seiner Uraufführung verbieten zu lassen. Dieses Violinkonzert habe ich von Einem zu seinem 70er gewidmet & dazu habe ich ihm noch eine genaue Analyse des Stückes überreicht. Diese offenbar gelungene Überraschung bewog ihn, mir das DU anzubieten.

Mein Leben bewegte sich mittlerweile zwischen Komposition, Kontrabassist im RSO Wien, Chansonnier & Dirigent. Im September 1996 sollte ich eine CD-Produktion mit dem RSO-Wien leiten. Das Hauptstück war von Einems „CONCERTO FÜR ORCHESTER“. Von Einem hat sich meist nie Proben zu seinen Stücken angehört, sondern ist erst im Konzert aufgetaucht. Diesmal aber hat er zugesagt, bei den Aufnahmesitzungen dabei zu sein. Im Juli 96 hatte ich Konzerte in London & hatte die „CONCERTO“-Partitur zum Studium bei mir. Das Einrichten dieser Partitur schuf eine geradezu mystische Nähe zu Gottfried . Er schien mir, wenn ich am Schreibtisch im Hotel saß, geradezu greifbar nahe. Am 12. Juli in der Vormittagsprobe wurde ich herausgeholt & man versuchte mir seitens des Verlages (Boosey & Hawkes) schonend beizubringen, daß Gottfried soeben verstorben war.

Die „CONCERTO“-Produktion im Sept. 96 verlief zufriedenstellend. Mittlerweile hatte ich einen Managementvertrag als Composer/Conductor. Bald konnte ich das „CONCERTO“ als Hauptwerk einer Konzertserie mit dem Cleveland Orchestra präsentieren. Der Erfolg war enorm & das Werk wurde seitens der Kritik & des Orchesters äußerst positiv bewertet. Gemeinsam mit dem BBC Philharmonic habe ich mich nachhaltig für jene Stücke eingesetzt, die generell Appetit auf Gottfrieds Musik machen müssen: CAPRICCIO op. 2, TURANDOT- 4 Episoden op. 1a, SYMPHONISCHE SZENEN op.22, BALLADE FÜR ORCHESTER op.23 & in einem weiteren Konzert konnte ich sein CONCERTO mit meiner NEBELSTEINMUSIK kombinieren. In allen meinen Programmen, auch einmal in Wien mit dem Ensemble „die reihe“, habe ich von Einem regelmäßig in Nachbarschaft klassischer Moderne & Gegenwartsmusik präsentiert. Daraus ergaben sich immer neue Blickwinkel & die Erkenntnis, daß Musik, welcher Richtung auch immer, ausschließlich an der in sie investierten musikalischen Intelligenz zu beurteilen ist. Von Einem sprach in diesem Zusammenhang immer vom „nötigen Gehirnschmalz“.

Besonders zu empfehlen ist, sich die BALLADE für Ochester genau anzuhören. Sie ist ein besonders gutes Beispiel für Ökonomie. Die längste Zeit haben wir eine 2stimmige Invention vor uns, aufgefächert auf das ganze Orchester. Gerade die BALLADE repräsentiert von Einem in Reinkultur & zeigt, was seine Qualität ausmacht.

Immer wieder hatte ich mit von Einem Diskussionen über DER POZESS, seiner 1953 uraufgeführten 2. Oper, die ich von der Konzeption her für besonders fortschrittlich halte. Es ist keinesfalls eine Belcanto-Oper. Der Hauptdarsteller ist das Orchester. Durchgehend spiegelt sich in der Pulsation des Orchesters der Fortgang des Dramas. Die Sänger sind in dieses komplexe Pulsgewebe einbezogen & müssen ihre Texte präzisest, meist auf Rezitationstönen deklamieren. Sie haben keinen Spielraum für etwaiges Rubato & müssen sich wie etwa Schlagzeuger der Unerbittlichkeit der rhythmischen Verläufe unterordnen. Wenn dies gelingt, entsteht eine völlig neue Form des Musiktheaters. Mit bloßem Schöngesang könnte man den Herausforderungen dieses äußerst konsequent gebauten Stückes nicht gerecht werden & die Regie muß die Raffinesse der Verläufe subtil & der gebieterischen Strenge der Musik entsprechend mitzeichnen.

Worin liegt das Gewicht meines Lehrers, Mentors & väterlichen Freundes? Er schuf ein Lebenswerk in glanzvoller Bündnislosigkeit.

HK Gruber
Komponist

Rosenburg, 07 06 2015