Anlässlich des 25. Todestages von Gottfried von Einem (gest. 12. Juli 1996) war im Kultur-Radiosender Ö1 ein Konzert mit Werken von Gottfried von Einem und Rainer Bischof zu hören. Gestalter Peter Kislinger stellte es unter den provokant anmutenden Titel „Wozu von Einem?“ Erläuterung:

Am 12. Juli vor 25 Jahren verstarb in Oberdürnbach im Waldviertel der österreichische „Componist“ – so bezeichnete er sich selbst – Gottfried von Einem. Die Frage, „wozu Musik von von Einem?“, stellten sich spätestens seit den 1960er-Jahren viele Musikkritiker und Musikwissenschafter, denen seine Musik nicht mehr zeitgemäß, nicht modern genug, war. Von „sicherlich beabsichtigter Provokation der Avantgarde“ war da die Rede, von einer Rückkehr zur „Tonalität“, die, so Franz Endler in der „Presse“, sich auf Pierre Boulez berufend, „einfach nicht gestattet“ sei, denn „Die Zukunft ist nicht tonal.“

Provoziert fühlte sich auch 1961 der junge Kritiker Karl Löbl. Von Einems „Philadelphia Symphony“ sei „ein tiefer Bückling vor dem Publikum.“ Löbl ließ auf seine Publikums- eine Komponistenbeschimpfung folgen: „Aber ein Publikum, das Schostakowitsch für einen großen Komponisten hält, wird diesem Einem seine Anerkennung nicht versagen.“ Wie Joachim Reiber in seiner Monographie „Gottfried von Einem. Komponist der Stunde null“ (2017) anmerkt: „So fand sich der Abgekanzelte in illustrer Gesellschaft wieder.“

Gottfried von Einem, Rainer Bischof und der Zeitgeist

40 Jahre später war für Wilhelm Sinkovicz in der „Presse“ die Konfrontation Publikumskunst gegen Expertenkunst aufgehoben: Es sei in dem Konzert am 26. November 2011 um „den Zeitgeist“ gegangen. „Rainer Bischof, langjähriger Generalsekretär der Wiener Symphoniker, hat der Auseinandersetzung mit diesem Thema sein jüngstes Opus gewidmet. Nirgendwo, so Bischofs Analyse, seien Bruckner und Brahms einander kompositorisch so nahe wie bei deren Fünfter bzw. Dritter Symphonie.“ Das sei der Ansatzpunkt für Bischofs Werk „Wozu? – Deshalb!“ Auch Gottfried von Einem habe sich vom Zeitgeist nie vereinnahmen lassen. „Sein nicht nur für den Solisten höchst anspruchsvolles Klavierkonzert von 1955 beweist es. Es vereint jenseits damals aktueller Moden rhythmischen Elan, Frische der melodischen Erfindung, erfüllte Lyrik und brillante tänzerische Attitüde.“

Komponieren ohne FÜR oder GEGEN

Bereits 1980 hatte der 1947 geborene Rainer Bischof, der sich „als einen der letzten Schüler von Arnold Schönberg“ empfindet,“ obwohl ich nicht von ihm, sondern von seinem Schüler Hans Erich Apostel Komposition lernte“, die musikhistorisch verständliche, aber etwas unsägliche, Debatte treffend kommentiert. Er habe sich stets bemüht, seine „innere Welt musikalisch darzustellen, mich so wie ich bin auszudrücken, ohne FÜR oder GEGEN das Publikum zu schreiben. … Ich schreibe nicht für die Musikwissenschaft, um sie theoretisch anzureichern. Ich schreibe auch nicht für mich und somit automatisch GEGEN das Publikum, ich schreibe nur MICH und freue mich, wenn man mich versteht, verstehe aber jeden, der mich nicht versteht.“
Also: Wozu von Einem und wozu Bischof? Deshalb!

(Gottfried von Einem: Konzert für Klavier und Orchester op. 20; Rainer Bischof: Wozu? – Deshalb! für großes Orchester (Uraufführung); G. von Einem: Bruckner-Dialog op. 39; Capriccio op. 2; Concerto für Orchester op. 4; Philadelphia Symphonie op. 28; Nachtstück op. 29; Vier Klavierstücke op. 3)