Angyan Grabner

© Wolf-Dieter Grabner

Gottfried von Einem und der Musikverein

„Ich fühle mich daheim in dieser Klangwelt“

Weshalb klingt Musik im Musikverein so herrlich? Warum strahlt die Kunst in diesem Haus so besonders? Woher das Leuchten, woher die Resonanz? xcine Antwort liegt, zweifellos, in der speziellen Akustik des Goldenen Saals, diesem hundertfach untersuchten Glücksfall angewandter Physik. Architekturhistoriker wieder reden von Raumstruktur, Lichteinfall, Farbgebung … Alles richtig. Aber es reicht nicht hin, um das Geheimnis zu lüften. Das Leuchten und die Resonanz im Musikverein, sie haben, finde ich, auch einiges mit den Spuren der charismatisch großen Persönlichkeiten zu tun, die in diesem Haus gewirkt haben. Ihre Strahlkraft trägt weiter, ihre Schwingungen sind da. Gottfried von Einem ist eine von ihnen. Unbestritten eine der Größen, die in diesem Haus spürbar bleiben über die Zeiten hinweg.

Er trat stark auf, von Anfang an. Einems erste Uraufführung im Musikverein 1961 mit den Wiener Philharmonikern, machte gewaltiges Aufsehen. Sie provozierte – durch Licht und Glanz. Mit der „Philadelphia Symphony“ bewies der Komponist Courage: einen kecken Mut, sich nicht von angesagten Techniken einengen zu lassen. Die Presse sprach von „Rebellion“. Die Symphonie, hieß es, sei „von atemberaubender Kühnheit der Tonalität“. Worum es Einem damals wie später ging? Sich nicht festnageln zu lassen vom Angesagten, frei zu sein für den eigenen, den unerschrocken persönlichen Ausdruck.

Sein Geist musste sprühen können. Den Freiraum schuf er sich. Er war so frei, sich auch Musik leisten zu können, die unverschämt schön sein konnte – wie 1961, bei seinem Musikvereinsdebüt, mit der „Philadelphia Symphony“. In jedem Fall blieb er ganz er selbst. Zugleich hatte er den denkbar besten Kontakt zu seinem Gegenüber. Einems Gabe der Kommunikation war phänomenal, ob im Gespräch, ob in seiner Musik.

„Fragt mich jemand, für wen ich komponiere, so muss ich antworten: für mich, weil ich an der Musik in mir ersticken würde. Dass ich natürlich an mein Publikum denke, versteht sich von selbst. Ich schätze das Publikum. Ich bin kein Publikumsverächter.“ Gottfried von Einem schrieb das 1995, im Vorwort zu einer Konzertreihe, die die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ihm zu Ehren veranstaltete. Der Text, im Jahr vor seinem Tod entstanden, ist in mancher Hinsicht ein Vermächtnis. „Schaffensepochen, stilistische Unterschiede, Unterbrechungen oder Brüche in meinem Schaffen kenne ich nicht. Es gibt natürlich sich verändernde Färbungen. Aber das Wesentliche ist, dass man sich treu bleibt in der Diktion und treu bleibt in der Technik.“

In der mehr als 175-jährigen Geschichte des Musikvereins, vermerkte Einem damals, „zähle ich zu jenen Komponisten, die dort die meisten Uraufführungen erlebt haben“. Fast zwanzig waren es in Summe: darunter die Premieren seines Violinkonzerts, seiner Streichquartette Nr. 2, 3, 4 und 5, der Vierten Symphonie, des Orchesterwerks „Fraktale“ und mehrerer Liedzyklen.

Dass Gottfried von Einem Geschichte geschrieben hat – auch und gerade im Wiener Musikverein –, kann man mit Fug und Recht behaupten. Ehrenmitglied der Gesellschaft wurde er schon 1976. Fast zwanzig Jahre später schrieb Gottfried von Einem dazu: „Ich bin mir bewusst, was der Musikverein in der österreichischen und internationalen Musikgeschichte darstellt und mit wem ich dort die Ehrenmitgliedschaft teile: mit Beethoven und Strawinsky – ich wüsste keine Besseren. Und das Gefühl, für den Musikverein zu schreiben, gibt mir ein Gefühl des „Zuhauses“. Ich fühle mich daheim in der Klangwelt, die diese beiden schöne Säle so gut wiedergeben …“ So wurden im Musikverein 19 Werke Gottfried von Einems uraufgeführt, 17 davon in Gesellschaftskonzerten.

Dem Gefühl, im Musikverein daheim zu sein, gab Gottfried von Einem auch mit einem hochbedeutsamen Entschluss Ausdruck. Schon zu seinen Lebzeiten übergab er seinen Nachlass dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde ist eine der bedeutendsten Institutionen der Musikdokumentation weltweit. Das Gottfried-von-Einem-Archiv, eine der wichtigsten Sammlungen zur Musik des 20. Jahrhunderts, ist ein weiteres Herzstück unseres Archivs geworden. Aussagekräftig, inhaltsreich, spannend durch und durch – ein Spiegel der funkelnden Persönlichkeit Gottfried von Einems.

Ja, er war zu Hause im Musikverein. Er fühle sich hier daheim, sagte Einem auf seine unnachahmliche Art, „weil dort Menschen regieren, die mir etwas sagen, und nicht etwas von mir wollen.“

Dem pointiert glitzernden Satz darf ich hinzufügen: Er hat uns viel zu sagen, dieser Gottfried von Einem, nach wie vor. Unser Haus bleibt das seine, ihn zu ehren beschlossen wir, das Pendant des Brahms-Saales Gottfried von Einem Saal zu benennen.

Dr. Thomas Angyan
(Intendant Gesellschaft der Musikfreunde in Wien)